Als 1980 die >Kritische Studienausgabe< der Werke und Nachgelassenen Schriften Friedrich Nietzsches zum ersten Mal erschien, war das Wort vom "Jahrhundert-Nietzsche" in aller Munde. In seltener Einigkeit feierten Medien und Wissenschaft dieses unerhörte Taschenbuchereignis, das die Nietzsche-Rezeption grundlegend veränderte: Erstmals wurde der gesamte Nachlaß, der die veröffentlichten Werke an Umfang übertrifft, ohne Fälschungen und Streichungen zugänglich gemacht. Fast 5000 Druckseiten ergaben die Nachlaßmanuskripte, die die beiden italienischen Forscher Giorgio Colli und Mazzino Montinari in jahrelanger Arbeit für die Kritische Gesamtausgabe beim Verlag Walter de Gruyter gesichtet, geordnet und transkribiert hatten. Die KSA, wie die gemeinsame Taschenbuchausgabe von dtv/de Gruyter seither in Kurzform zitiert wird, hat in nun fast zwanzig Jahren viel dazu beigetragen, daß die fatalen Nietzsche-Legenden zerstört und eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit diesem großen Künstler-Philosophen möglich wurde. Zum Gedenken an den 100. Todestag Friedrich Nietzsches am 25.8.2000 wird die KSA in neuer Ausstattung, aber text- und seitenidentisch mit der revidierten 2. Auflage von 1988, zum einmaligen Sonderpreis angeboten. Dieser Jubiläumspreis soll vor allem jüngeren Leserinnen und Lesern den Zugriff auf alle authentischen Nietzsche-Texte erleichtern.
Portrait"Gott ist tot": Dies ist wohl einer der bekanntesten und meist zitiertesten Sätze Friedrich Nietzsches. Er bringt aber nicht nur Nietzsches Protest gegenüber der von ihm als lebensfeindlich eingestuften Religion und Moral zum Ausdruck, er beinhaltet darüber hinaus auch die konkrete Aufforderung, die Welt, die durch den Tod Gottes ohne Sinn ist, mit neuem Sinn zu füllen. Der Mensch wird aufgerufen, selbst Künstler und Dichter seiner Biographie zu werden, ganz nach dem Motto: Wenn es schon keinen Sinn gibt, dann erfinden wir uns eben einen. Auf jeden Fall ist der Tod Gottes für Nietzsche kein trauriges, sondern ein über alle Maßen freudige Ereignis, befreit es doch den Menschen von der langjährigen Knechtschaft unterdrückender und falscher Werte. Als Sohn eines Pfarrers wird Nietzsche am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Luzern geboren. Seine Kindheit verlebt er in Naumburg, seine Schulzeit in Schulpforta. Er studiert in Bonn und Leipzig Klassische Philologie. Von 1870 bis 1879 ist er selbst Professor für klassische Philologie in Basel. Sein Jugendwerk "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" (1872) steht ganz im Zeichen seiner Freundschaft mit Richard Wagner. Die Trennung von ihm und seiner Frau Cosima gilt für ihn als eine seiner schmerzvollsten und einschneidendsten Erfahrungen. Seit 1889 gilt Nietzsche als geisteskrank. Er stirbt am 25. August in Weimar, dem Standort des heutigen Nietzsche-Archivs. Seine Schwester Elisabeth pflegte ihn nicht nur, sondern sie manipulierte auch auf unverzeihliche Art seinen fragmentarischen Nachlass. Ihre Umdichtung machte aus Nietzsche einen Nationalisten und Antisemiten, was er beides ausdrücklich nicht war. Ihre Fälschertätigkeit hat nicht unwesentlich an der durch Vorurteil, Unkenntnis und Ressentiment geprägten Rezeptionsgeschichte beigetragen.

Diesen Artikel haben wir am Dienstag, 06. November 2007 in unseren Katalog aufgenommen.